
Der Kampf für Gleichberechtigung ist eine globale Aufgabe, die sowohl in den internationalen Gremien als auch im Alltag stattfindet.
Frauenrechte sind nicht selbstverständlich, aber unumgänglich – sie sind eine der stärksten Stellschrauben für wirtschaftlichen Fortschritt, globale Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und doch stehen sie 2025 unter massivem Druck.
Im Gespräch mit Annalena Baerbock (Präsidentin der UN-Generalversammlung) direkt im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York, spricht sie über ihre neue Rolle als unparteiische, aber keineswegs neutrale Anwältin des Völkerrechts – und darüber, warum jetzt die Stunde ist, laut zu werden.
„Wenn Frauen und Männer voneinander lernen, werden wir alle stärker."
Frau Baerbock spricht mit uns darüber:
◍ warum neutrale Sitzungsleitung nicht politische Neutralität bedeutet – und sie als UN-Präsidentin aktiv die Charta verteidigt, wenn Grundprinzipien angegriffen werden
◍ die 70. Session der CSW (UN-Frauenrechtskommission) und warum diese Konferenz wichtiger ist denn je – auch weil die USA offen Frauenrechte infrage stellen
◍ wo Deutschland wirklich steh: Platz 60 bei weiblicher Parlamentsrepräsentanz – und was Länder wie Ruanda besser machen
◍ ihre Kampagne „Lead like a woman" und warum sie das, was als Beleidigung gemeint ist, mit Stolz trägt
◍ digitale Gewalt gegen Frauen: Deep Fakes, Porn Revenge und warum 96 % aller sexualisierten Deep Fakes Frauen betreffen – und was internationale Regulierung leisten könnte, ohne autoritären Regierungen Zensur-Vorwände zu liefern
◍ KI als Chance und Gefahr: wie Plattformen terroristische Inhalte in Millisekunden erkennen – und warum das bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen noch immer nicht passiert
◍ was feministische Außenpolitik wirklich bedeutet: kein Moralisieren, sondern Fakten – Schließung der digitalen Lohnlücke würde einen wirtschaftlichen Impuls in Höhe der kombinierten BIPs von China und USA erzeugen
◍ ihre drei konkreten Ziele für Gleichstellung 2030: Schulzugang für alle Mädchen, gleiches Gehalt für gleiche Arbeit, eine weibliche UN-Generalsekretärin
◍ das Vermächtnis von Rita Süssmuth – und was Baerbock von ihr gelernt hat: „Du darfst ihm deine Tränen nicht zeigen.*
◍ warum Empathie keine Schwäche ist – und was passiert, wenn Frauen in Führungspositionen auch das aussprechen, was Männer denken, aber nicht sagen
Über Annalena Baerbock:
Annalena Baerbock ist Präsidentin der 79. UN-Generalversammlung und leitet die Sitzungen von 193 Staaten. Zuvor war sie erste weibliche Außenministerin Deutschlands. In ihrer Rolle bei den Vereinten Nationen versteht sie sich nicht als reine Sitzungsleiterin, sondern als Anwältin des Völkerrechts und der internationalen Ordnung – gerade in Zeiten, in denen beides unter Druck steht.
Quellen & Begriffe zum Nachlesen:
UN Women Report 2025: Parlamentarische Repräsentanz von Frauen weltweit (unwomen.org)
CSW - Commission on the Status of Women: Hintergrund & Aufgaben (un.org/womenwatch/daw/csw)
Deep Fakes & digitale Gewalt gegen Frauen: Studienlage & Fakten (endviolenceagainstwomen.org.uk)
UN AI Governance & Scientific Advisory Body on AI (un.org/ai-advisory-body)
Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen (1948): Entstehungsgeschichte & Text (ohchr.org)
Reproduktive Rechte & UN-Abstimmungen: Hintergrund EED/ICPD-Kontext
Redaktionsschluss: März 2025
Aufzeichnung: März 2025, UN-Hauptquartier New York
Kontext: 70. Session der UN-Frauenrechtskommission (CSW69/70)
Wenn Frauen und Männer auch immer von Stärken gegenseitig lernen, dann werden wir alle stärker. Ich habe so viele gute Beispiele von dem Verständnis, dass Frauenrechte Gesellschaften stärker machen, sicherer machen.
Vielen Dank, Frau Baerbock. Das Funke Sie hier direkt im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York treffen kann. Als Präsidentin der UN ist es ja ihre Rolle, die Sitzung der 193 Staaten unparteiisch zu leiten. Egal, ob ihnen gefällt, was gesagt wird oder nicht. Wie sehr müssen sie sich denn da manchmal zusammenreißen?
Natürlich ist es eine andere Rolle als vorher, Deutschland, also ein Land und seine vielen Menschen zu vertreten. Aber auch die sind ja sehr unterschiedlich mit über 80 Millionen. Und hier als Vertreterin von 193 sehr unterschiedlichen Staaten muss ich natürlich neutral sein im Sinne von unparteiisch. Ich kann nicht plötzlich sagen, ich komme aus Deutschland und deswegen haben die jetzt zur ersten Rede recht. Aber neutral heißt eben nicht unpolitisch und nicht neutral gegenüber der Charta der Vereinten Nationen.
Und anders als dass viele gedacht haben, dass das hier eine reine Sitzungsleitung ist, ist gerade in Zeiten, wo die Vereinten Nationen ihre Prinzipien, ihre Regeln so unter Druck sind, ist mein Job eigentlich die Anwältin des Völkerrechts und der internationalen Ordnung zu sein. Und daher habe ich auch immer wieder deutlich gemacht, wenn die Charta der Vereinten Nationen angegriffen wird, dann ist eine neutrale Präsidentin nicht schweigsam, sondern dann vertritt sie umso offensiver die Rechte auf Frieden und Sicherheit, auf globale Entwicklung und vor allen Dingen auf Menschenrechte. Schweigen ist ja sowieso nie eine gute Idee. Antonio Guterres hat das ja auch hier gesagt. The last thing that we want from you is silence. Also das fand ich auch in der Eröffnung ganz toll. Wie wichtig sind denn in diesem Zusammenhang Konferenzen wie die, die jetzt hier gerade stattfindet, der Frauenrechtskommission?
Die sind extrem wichtig und das Gute in so Krisenzeiten ist, dass dann vielen erst bewusst wird, was man eigentlich in den letzten Jahrzehnten schon geschafft hat. Ich weiß jetzt nicht, wie es für Funke war, aber viele Medienvertreter haben jetzt in den letzten Jahren nicht ständig über die sogenannte CSW, die Kommission für den Schutz und für die Rechte von Frauen, berichtet.
Aber in einer Zeit, wo dann hier Frauenrechte angegriffen werden, wo die amerikanische Delegation offen sagt, wir wollen gewisse Rechte Frauen nicht mehr geben, zum Beispiel unseren Gesundheitsschutz für Frauen, dann spüren halt viele, okay, jetzt geht es hier wirklich um was und die Vereinten Nationen haben in den letzten 30 Jahren was erreicht. Und deswegen ist diese 70. Session, die wir hier haben, also eigentlich schon seit 70 Jahren, wichtiger denn je zuvor. Und zugleich ist mir immer wieder wichtig zu betonen, bei all dem Leid, was wir weltweit spüren, Frauen und Kinder in den Kriegsgebieten, sexuelle Gewalt, dass wir bei der Gleichberechtigung aber auch noch nie so weit waren. Noch nie waren in den Jahrhunderten der Weltgeschichte so viele Mädchen überhaupt in der Schule. Noch nie gab es so viele weibliche Abgeordnete weltweit in den Parlamenten. Und da kann auch ein Land wie Deutschland sehr viel von lernen.
Es gibt gerade einen Bericht, der gerade diese Woche veröffentlicht wurde von UN Women, wo deutlich ist, dass es…sieben Länder gibt, die volle Gleichberechtigung im Parlament haben, also mehr als 50 Prozent Frauen und das sind vor allem nicht europäische Länder, sondern Ruanda ist ganz vorne mit dabei, weil sie aus dem Völkermord gelernt haben. Deutschland ist, glaube ich, auf Platz 60.
Das heißt, diese Vorstellung, die viele bei uns auch haben, wir sind so weit oben, das stimmt einfach nicht. Und das war auch immer mein Verständnis der feministischen Außenpolitik, die manche schlecht geredet haben. Ich würde in die Welt gehen und moralisieren. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe so viele gute Beispiele von dem Verständnis, dass Frauenrechte Gesellschaften stärker machen, sicherer machen, ökonomische Wirtschaftsentwicklung vorantreiben, mit in unsere deutsche Politik einbringen können. Und das spiegelt sich eben auch jetzt in diesen zwei Wochen der Frauenrechtskonferenz wieder, wie viel auch erreicht worden ist mit Blick auf Gleichstellung. Und das heißt dann auch zum Fortschritt aller in einer Gesellschaft.
Bei dieser Konferenz, ich war schon in sehr vielen Panels, geht es auch ganz viel um den Backlash. Und es ist ja toll, dass wir vielleicht einen Backlash auf den Backlash führen. Also dass jetzt alle wirklich merken, okay, jetzt ist wirklich die Stunde geschlagen, wir müssen was tun. Ruhig bleiben hilft nicht. Was denken und fühlen Sie denn angesichts des Backlashs? Also, wie ist das für Sie?
Für mich, so habe ich immer Politik gemacht, ist jetzt erst recht. Und eine der großen weiblichen Politikerinnen, Rita Süßmuth, ist ja gerade erst verstorben. Und von solchen Frauen habe ich halt wahnsinnig viel gelernt. Als junges Mädchen bewundert, dass sie Präsidentin im Bundestag ist. Und als ich sie dann persönlich kennengelernt habe, hat sie mir einfach auch kluge Ratschläge mit auf den Weg gegeben. hat gesagt, “Annalena, weißt du, ja, damals war es auch so mit Kohl, ja, der hat mich mit meinen Klackerschuhen beleidigt”, schon das hatten wir damals, dass aufs Aussehen gerichtet wurde. Und erst recht muss man dann tough sein und dann hat sie so einen Satz geprägt “Und dann habe ich im stillen Kämmerlein geweint, du darfst ihnen deine Tränen nicht zeigen”. Und das sind eben auch so Sachen, wir Frauen von heute, wir stehen auf den Schultern von wirklich Riesinnen, die ja noch viel härter kämpfen mussten und dieses Verständnis “Jetzt erst recht!”, das habe ich auch bei dem Backlash.
Auf der anderen Seite spüre ich...
Und weinen sie dann im stillen Kämmerlein?
Auch das....für mich heißt, ich habe hier eine Kampagne gestartet “Lead Like a Woman”.
Das fand ich toll, das haben Sie auch in Ihrer Eröffnungsrede gesagt: Win like a woman, lead like a woman, change like a woman.
Von dem Verständnis her, dass “like a woman”, also auf Deutsch, “wie eine Frau”, ich habe den Spruch selber gehört, ich glaube, den kennen fast alle, “du läufst ja wie Mädchen”. Und das soll eine Beleidigung sein, also despektierlich.
Und es gibt einen super Clip, ich glaube, es ist eine Werbung, aber trotzdem super. Da zeigen die, wenn gesagt wird, “du läufst wie Mädchen”, was machen ältere Frauen und vor allen Dingen Männer laufen so, als wenn man irgendwie so eine Tussi ist. Wenn man das Kindern sagt, sagt, “lauf wie ein Mädchen”, dann laufen die fast as hell. Ja, so schnell wie sie können, geben alles dafür.
Und genau deswegen will ich das umdrehen, das, was als Beleidigung gemeint ist, mit Stolz als Frau zu sagen, ja, man sagt, du reagierst, you act like a woman. Ja, das sage ich euch jetzt mal, was das heißt. Und das, jetzt, warum haben wir so eine Kampagne gemacht? Weil ich bei sehr, sehr vielen jüngeren Frauen erlebe, Sei es bei meinen eigenen Teenager-Töchtern, aber erst recht weltweit und vor allen Dingen im globalen Süden, wo das Selbstbewusstsein von Frauen im Zweifel nochmal viel größer ist, die deutlich gemacht haben, wir lassen uns das, was wir geschafft haben, nicht absprechen und wir reagieren mit Wut.
Also diese ganzen sexuellen Belästigungen haben wir ja gerade in Deutschland die Debatte, wie man über Schülerinnen redet oder hier die Epstein Files. Das erlebe ich bei so vielen jungen Frauen. Die sind einfach super wütend. Und wenn wir politisch auch darauf nicht reagieren und zum Glück können in den meisten Ländern weltweit Frauen wählen und besetzen Regierungsämter, dann verliert man eben auch Teile einer Gesellschaft, weil diese Frauen und die jungen Mädchen und Frauen eben nicht mehr schweigen, sondern sagen, dann nehmen wir es halt selber in die Hand.
Genau und es wurde uns ja viele, viele Jahrzehnte erzählt, Wut sei nichts Schönes für Frauen. Insofern ist das ja auch gut, wenn Wut eigentlich schon etwas ist, was wir auch brauchen, um voranzukommen. Wenn wir jetzt von Wut sprechen, dann sprechen wir auch von Gewalt. Wir sprechen von digitaler Gewalt. Die wird ja immer größer. Und welche internationalen Standards braucht es denn, damit Frauen online wirklich geschützt werden?
Also ohne, dass jetzt dann autoritäre Regierungen das gleich als Vorwand für Zensur oder Überwachung nutzen.
Den letzten Halbsatz, den finde ich wahnsinnig wichtig, weil das darf natürlich nicht passieren, aber das darf auch nicht die Ausrede fürs Nichtstun sein.
Und das habe ich selber auch persönlich erlebt, als ich Außenministerin war, waren ja die Angriffe auf Social Media vor allen Dingen auch von Bots gekriegt. Das hat der Bundesnachrichtendienst, das haben die Sicherheitsakteure nachweisen können, russisch gesteuert plus die Fake News mit angeblichen Pornodarstellungen und allem weiteren, dass das nicht ein Angriff auf Annalena Baerbock, sondern die deutsche Außenministerin und damit auf die staatlichen Institutionen war.
Und trotzdem die Debatten, die wir versucht haben in der alten Bundesregierung darüber zu führen, wie gehen wir mit diesen Fake News um, die staatszersetzend sein können, eben man sich nicht richtig getraut hat wegen diesem, naja, aber ist das dann Überwachung und kann der Staat das tun oder nicht?
Andere Länder, auch hier wieder, sind da weiter. Irland zum Beispiel hat eine Kommission eingerichtet, wo sie gesagt haben, dann dürfen da nicht nur staatliche Akteure rein. Journalisten, Richter, unterschiedliche Gruppen, die wenn im Netz was auftaucht, wo klar ist, das ist Fake und jetzt erst recht mit Deepfakes, dass zumindest erstmal gesagt werden kann, das steht unter Beobachtung. Wir haben noch nicht herausgefunden, woher es kommt, aber um schnell zu countern.
Und hier auf der UN-Ebene hat man jetzt zum Glück, und auch das ist so eine positive Nachricht, über die viel zu selten berichtet wird, dass die UN ja die ganzen neuen Themen auch angehen, gibt es jetzt nicht nur zu künstlicher Intelligenz einen sehr, sehr großen Gipfel, der stattgefunden hat, sondern es wurde ein Scientific, also ein Expertenrat eingerichtet zur Formulierung von AI Governance, also der Regulierung von künstlicher Intelligenz. Das, was man national gerade nicht schafft, um dem im digitalen Raum wirklich Herr zu werden, weil die Fakten sind katastrophal.
Ich meine, es gibt AI, die Kinder in den Selbstmord treibt. Es gibt Chat-Programme, die programmiert sind, Fotos von Frauen, von Kindern, von Minderjährigen als Nacktfotos darstellen zu lassen. Und das passiert einfach weiter, weil es nicht reguliert wird. Und das trifft da auch wieder dann...
Und die Plattformen sich nicht kümmern. Und dabei stehen die nicht über dem Recht. Ja, oder sogar entwickeln. Also das ist ja das Problem.
Der Algorithmus belohnt eigentlich das.
Der belohnt es. Und sie wurden, Elon Musk und allem, wo er hinter steht, die haben dieses mit Grok, das Programm entwickelt, wo tausende von Fotos von Frauen, dann die Frauen entblößt worden sind. Und das trifft halt überproportional Frauen und Mädchen. Es gibt gerade bei Deepfakes unglaubliche Studien, dass 96 Prozent der Deepfakes mit sexualisierter Handlung Frauen betreffen. Das heißt, es ist kein Zufall, sondern diese Deepfakes wurden systematisch aufgesetzt, um Frauen zu zerstören. Weil das ist ja das Ziel auf der einen Seite, widerliche Lüste zu befriedigen, auf der anderen Seite Frauen damit zu degradieren...
Sogenannte Pornorache. Gestern war Olimpia Melo, eine Mexikanerin, die ja sich dafür eingesetzt hat, dass das unter Strafe gestellt wäre. Also das ist echt der Wahnsinn, was für Frauen und was für Kraft es manchmal braucht und dass immer erst was Schlimmes passieren muss. Reden Sie denn mit Ihren Töchtern über so eine Gefahr und erlauben Sie denn Social Media denen dann?
Also es sagen ja auch viele, ein Social Media Verbot für Jugendliche könnte auch helfen. Ich halte das für eine wahnsinnig wichtige Debatte. Ich glaube, wie fast wahrscheinlich alle Eltern auf dieser Welt kämpfe darum, es selber zu Hause durchzusetzen und...
Man hat keine Chance.
...dass gewisse Programme nicht geklickt werden. Und natürlich in einem Zeitalter, das ist für mich auch immer wichtig, auch künstliche Intelligenz. Die hat so wahnsinnig viele Vorteile. Und wie so oft in der Geschichte des Fortschritts müssen wir die Vorteile nutzen und den Schaden müssen wir abwenden. Und das können wir am besten, wenn wir global zusammenarbeiten und dafür klare Regeln und Leitplanken setzen.
Und das gilt insbesondere für die Konzerne, so wie wir das ja bei Produktsicherheit auch keine Chemikalien im Essen. Da kann man ja nicht sagen, zu Hause soll man dafür sorgen, dass es am besten ist, wenn die Kinder nichts Giftiges essen. Wenn das in Lebensmitteln nicht drin ist, ist es viel, viel einfacher. Und so ist es auch mit sozialen Medien und Produkten, wenn gewisse Dinge gar nicht gezeigt und angeboten werden können, wie Kinderpornografie, was ja auch im realen Leben verboten ist, wenn man sich das auf dem Handy hin und her schickt. Da wurde in Deutschland gerade die Gesetzeslage zu verschärft. Und dann können aber Anbieter des weiterhin zeigen, künstliche Intelligenz könnte ja ohne Probleme genauso eingesetzt werden, dass künstliche Intelligenz automatisch jeglichen sexuellen Übergriff im Netz auf Frauen löscht.
Sie könnten es ja sogar. Also Sie können ja auch alles andere erkennen. Sowas könnte man wahrscheinlich auch erkennen, wenn man sich als Plattform da wirklich drum kümmern würde. Also terroristische Sachen werden ja auch sofort erkannt innerhalb von Millisekunden.
Welche Erfahrungen haben Sie denn als weibliche Führungspersönlichkeit auf internationalen Bühnen? Sie sind ja schon lange dabei. Sie waren die erste weibliche Außenministerin Deutschlands. Welche Erfahrungen haben Sie da im Hinblick auf Geschlechterungerechtigkeit gemacht?
Bei Frauen kommt immer eine zusätzliche Angriffslinie mit dazu. Mir ist wichtig zu sagen, dass natürlich auch Männer in der Politik Angriffe haben. Das ist ja auch Politik und Demokratie, dass man sich über Inhalte streitet, dass man sagt, den mag ich jetzt aber nicht. Aber wenn dem Gegenüber die Argumente ausgehen, dann wechselt das einer weiblichen Politikerin dann die Ebene. Dann ist plötzlich die Stimme zu hoch oder sie ist zu weinerlich oder sie ist zu selbstbewusst und damit dann auch zu karrieregeil. Ich habe fast noch nie gehört, dass ein Mann vorgeworfen wurde, er sei zu karrieregeil. Sondern dann ist es immer starke Führung.
Oder eben die Frage von Aussehen und Anziehsachen kommt dazu. Das habe ich ja persönlich sehr stark erlebt, wo man sich manchmal dann schon wundert, auch bei gewissen deutschen Medien, die sonst sagen, Verschleierung von Frauen sei schlecht. Aber man liest plötzlich in der Zeitung, eine Außenministerin oder Ex-Außenministerin darf ja keine High Heels zeigen, wo dann auch der Knöchel noch zu sehen ist. Also wenn es die Ebene dann erreicht, dann geht es offensichtlich nicht mehr um die Politikerin, sondern dann ist es für manche schwer zu ertragen, dass es einfach Frauen in Führungspositionen gibt.
Und führende CEOs, die haben ein tolles Interview, ich glaube es war in der FAZ geführt, wo beschrieben worden ist, je höher und sichtbarer Frauen kommen, dann auch in der Wirtschaft, desto schmaler wird der Grad der in Anführungszeichen akzeptierten Verhaltensweisen. Also dann weiß man plötzlich ganz genau, wie eine Frau sich in Führungspositionen zu verhalten hat. Alles, was nicht den typischen männlichen Kriterien entspricht, ich glaube auch auf Ebenen, wo Männer dann vielleicht nicht so mithalten können, wird dann degradiert.
Sie haben ja vorhin gefragt “Und weinen Sie auch im stillen Kämmerlein?”, einer, weil ich sowieso emotional auch manchmal bin, meiner Punkte war, ich werde meine Tränen nicht, unterdrücken, wenn ich in einem Kriegsgebiet bin. Und mir hat eine Frau, die in acht Jahren Gefangenschaft von Boko Haram war, erzählt, wie sie sich befreit hat mit ihren kleinen Kindern. Also eine schlimmere Hölle kann man gar nicht durchgemacht haben, ständige Vergewaltigung. Und dann haben Journalisten auch in anderen Situationen zu mir gesagt, Frau Baerbock, ist das da nicht Schwäche, wenn Ihnen hier die Tränen kommen?
Das nennt man Empathie und Menschlichkeit.
Genau. Und das ist aber dann weibliche Führung. Und das muss man sich aber trauen auszusprechen und ich glaube, Männer empfinden es ebenso, aber auch da wird es dann als Schwäche gesehen. Und ich habe gesagt, wissen Sie was, natürlich gibt es Strategien, die ich in solchen Momenten nicht weinen müsste. Dann denke ich an Sport und höre der Frau nicht zu. Aber das ist doch nicht eine Aufgabe von einer Führungskraft, von einer Politikerin, die wirklich Verantwortung trägt, wie ihr eigenes Verhalten ist, sich darüber Gedanken zu machen.
Und da habe ich erlebt eben, dass es dann doch auch weibliche Führungsformen gibt, wo natürlich auch männliche Spitzenpolitiker ganz oft danach zu mir gesagt haben in Sitzung, „Mensch, Annalena, ich habe genau das Gleiche gedacht, als ich die Gräueltaten gehört habe des ukrainischen Außenministers, wenn das meine Kinder waren und du hast es einfach ausgesprochen“ und ich habe mich gefragt, warum habe ich eigentlich nicht darüber gesprochen, dass das unsere Kinder sein könnten”.
Und das ist halt wieder das Positive, dass wenn Frauen und Männer auch von Stärken gegenseitig lernen, dann werden wir alle stärker zusammen. Aber wir erleben leider viel zu oft, dass wenn Frauen gerade besondere Führungsqualitäten noch mit einbringen, dass das dann nicht von allen, aber von einigen schlecht gemacht wird, weil man eben spürt, das kann vielleicht eine Frau gerade in dieser Führungsposition besser. Und auf der anderen Seite, und da muss man auch natürlich total realistisch sein, es geht um Macht.
Wenn es nur einen Posten zu besetzen gibt und wir über Quoten reden und gesagt wird, jetzt brauchen wir aber eine Frau, weil wir leider nur 20 Prozent von Frauen in unserem Parlament haben, dann kann natürlich ein Mann in so einem Moment diesen Posten nicht besetzen und Macht geben selten Leute freiwillig auf. Und daher sind hinter ganz vielen dieser Fragen eben nicht politische unterschiedliche Verständnisse, sondern die Frage, ob man bereit ist, Machtpositionen zu teilen oder eben nicht. Die Faktenlage zeigt, wenn man dazu bereit ist, ist jede Gesellschaft einfach ökonomisch besser aufgestellt. Vielleicht nochmal eine Zahl, weil bei Frauenrechten ja oft über “weiche Themen Gedöns” gesprochen wird. Faktisch ist die Lage super klar. Wenn wir zum Beispiel die Lücke in der digitalen Welt schließen würden, dass Frauen digital so gleichberechtigt wären wie Männer, dann hätte das einen wirtschaftlichen Impuls des Bruttoinlandsprodukts von China und den USA zusammen. Wenn wir die Lohnlücken schließen würden, dann hätte das eine Steigerung von 25 Prozent der Wirtschaftskraft in jedem Land. Das heißt, es lohnt sich immer ökonomisch, auf Gleichberechtigung und gleiche Teilhabe von Männern und Frauen zu setzen.
Wenn Sie jetzt Gleichberechtigung, Gleichhabe und auch Gleichstellung 2030 in einem Satz definieren müssen, woran merken denn dann wir Frauen und natürlich auch Mädchen, ich habe auch eine Tochter, dann im Alltag und weltweit, es ist besser geworden?
Es gibt natürlich tausend Beispiele, weil die Diskriminierung in vielen Bereichen noch da ist. Aber um jetzt mal drei rauszunehmen.
Erstens, alle Mädchen weltweit können zur Schule gehen und nicht wie jetzt. Millionen sind ausgeschlossen und für die Länder, wo das nach wie vor passiert, kein Mädchen auf dieser Welt wird mehr verheiratet, bevor es überhaupt die Schule abgeschlossen hat.
Zweitens, in unserem eigenen Land kriegen Frauen endlich das gleiche Gehalt wie Männer für gleichwertige Arbeit.
Das wäre schön.
Und drittens, hier bei den Vereinten Nationen ist die nächste Generalsekretärin eine Frau. Nach 80 Jahren oder 2030 wären es dann 84 Jahren, ist das mehr als überfällig. Und da zeigt sich dann auch wieder eine meiner Lieblingssprüche in der Gleichstellungspolitik. If you can see it, you can be it. Also wenn man sieht, dass Frauen diese Funktion ausüben, dann ist es eine Selbstverständlichkeit für Mädchen und deswegen ist Repräsentanz eben auch so wahnsinnig wichtig.
Es gibt ja die schöne Erzählung, und ich habe sie aber auch selber erlebt, nachdem Angela Merkel nicht mehr Bundeskanzlerin war, dass mich wirklich in einer Grundschule ein Junge angesprochen hat, weil die stellen ja immer die direktesten Fragen, “Frau Baerbock kann eigentlich auch ein Mann Bundeskanzler werden?”, weil sie halt, wenn sie in ihrem Leben nur erlebt haben, dass es eine Frau war, so wie andere, wenn es immer nur Männer sind, einem der Eindruck vermittelt wird, die Frauen können das eigentlich gar nicht so richtig.
Ja, in diesem Zusammenhang auch vielen Dank für das Role Model, dass Sie in diesem Zusammenhang ja auch immer sind. Was würden Sie denn einem Mädchen sagen, das sagt, ja, formal ist alles erlaubt, aber ist immer noch nicht einfach?
Trau dich und lass dich nicht unterkriegen, weil das ist natürlich, wir haben ja gerade gefragt, was wäre das ideale Ziel bis 2030. Leider sprechen die Fakten da eine andere Sprache als das, was ich als Ziel formuliert habe. Wir werden in den nächsten dreieinhalb Jahren leider diese Lohnlücke nicht schließen.
Nein?
Aber deswegen mein wichtigstes Motto für junge Mädchen ist, mach es trotzdem und dann wirst du was erreichen können. Und das ist wieder schöne Gleichstellungspolitik.
In allen Posten sehen wir ja, es haben Frauen vor uns schon geschafft. Und lass dich von der Kritik und dem Backlash nicht irgendwie zurückwerfen. Wenn du Unterstützung brauchst, such dir andere Frauen. Auch das hat mir immer geholfen. In den schwierigsten Momenten waren andere Frauen manchmal per SMS aus anderen Parteien da und haben gesagt, lass dich ja nicht wegpusten.
Und einer meiner Lieblingssprüche, den ich hier auch von den Vereinten Nationen zitiert habe, Serena Williams “you call us crazy, we show you what crazy can do”. Also auch die erfolgreichsten Sportlerinnen hatten immer damit zu kämpfen, wenn man Sachen zum ersten Mal als Frau macht, wird man immer gesagt, ist doch verrückt. Und dann macht man es erst recht und dann wie sie gewinnt man zig Grand Slams.
Mach es trotzdem, finde ich sehr schön. Letzte Frage, was ist denn Ihre Botschaft an Frauen und Mädchen weltweit? Also was kann denen Hoffnung geben?
Dass wir so viele sind. Und das ist ja einfach ein Faktum. Auch da sieht man, warum Frauenrechte eben nicht, wie manche sagen, kulturell relativierbar sind. Stimmt sowieso nicht, steht in der Menschenrechtserklärung drin, hat eine Inderin erstritten und keine Europäerin, wie das manchmal auch suggeriert wird, dass da nicht nur stehen, alle Männer sind frei, an gleichen Rechten geboren, sondern all human beings, alle Menschen.
Und in jedem Land der Welt, das vereint alle Länder, sind wir ungefähr Hälfte, Hälfte Männer und Frauen. Das heißt, es gibt vier Milliarden Frauen auf der Welt, vier Milliarden Frauen und Mädchen, um genau zu sein. Und wir sind so viele, dass wir nicht mehr weichen werden. Und das ist auch, was, glaube ich, manche in diesen Zeiten des Backlashes dann so verrückt macht, dass sie leider immer aggressiver werden, dass sie halt spüren nicht anders noch als früher, wo manche mutige Frauen wirklich dann im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr konnten, weil die Angriffe so groß waren und sie alleine dafür gekämpft haben, dass Frauen wählen dürfen, dass Frauen ihren Arbeitsvertrag alleine unterschreiben dürfen.
Hillary Clinton hat hier gerade nochmal erzählt, in ihren ersten Ehejahren, da war sie Anwältin, hat mehr verdient als Bill Clinton, weil er für den Staat gearbeitet hat. Trotzdem musste sie die Unterschrift von ihrem Mann immer noch für die Kreditkarte haben. Und ich meine, in Deutschland haben wir solche ähnlichen Fälle gehabt. Und das war halt noch schwieriger dagegen aufzubegehren, wenn es nur wenig Frauen gab, die mehr verdient haben als ihre Männer. Wenn wir jetzt vier Milliarden Frauen haben, die sich zusammenschließen, auch bei Social Media sich zusammenschließen können, dann wird es sehr, sehr schwer sein, wirklich die Frauenrechte zurückzudrehen. Und das haben wir zum Glück ja auch hier bei den Vereinten Nationen erlebt, als die Amerikaner versucht haben mit Blick auf reproduktive Rechte, das ist sehr diplomatisch formuliert, das heißt halt, dass man ein Recht auf die Bestimmung seines eigenen Körpers hat, auch mit Blick auf Abtreibung, dass es dann zu einer Abstimmung kam und der Änderungsantrag eben keine Mehrheit bekommen hat. Da haben sich auch ein paar enthalten. Die hatten noch ein paar andere Änderungsanträge. Auch das sehr aussagekräftig, indem sie nämlich Hate Speech aus der Resolution rausstreichen wollten. Aber sie haben dann als einzige dagegen gestimmt. Und das gibt Hoffnung, dass wenn die anderen sich trauen zu sagen, “nee stopp”, wir verteidigen die Frauenrechte, dass es eben keine Mehrheit ist, die die Frauenrechte zurückdrehen will, sondern dass die Staaten oder auch Personen auf der Welt zum Glück nach wie vor in der absoluten Minderheit sind.
Die USA waren dann ja auch sogar ein bisschen isoliert eigentlich.
Ja, sie haben dann alleine dagegen gestimmt. Es haben sich ein paar enthalten auch, aber dagegen gestimmt haben sie ganz alleine.
Okay, mach es trotzdem, denn wir sind viele. Vielen Dank für dieses Interview hier bei den Vereinten Nationen. Vielen Dank, dass wir kommen durften.
Danke ebenso. Danke, dass wir das führen konnten.
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